Der tote Herrscher im Sattel
- Andrea Sagmeister

- 18. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Gestern habe ich an einer Abschiedsfeier teilgenommen. Eine Kollegin geht. Freundlich, wertschätzend, mit Kuchen und ein wenig Sekt. Vor drei Monaten ging eine andere. Still. Davor wieder eine. Und weitere Kündigungen stehen bereits im Raum.
Wer glaubt, ein Betrieb leere sich dadurch, irrt. Es kommen neue. Jünger. Belastbarer. Anpassungsfähiger. Weiter nach vorne – für den Umsatz.
Wir arbeiten mit Menschen. Mit fühlenden, denkenden Menschen.
Trotzdem erleben wir es immer wieder: Ein ganzes Team – zehn engagierte, kompetente Kolleginnen – beschäftigt sich stundenlang mit einer einzigen Führungsperson, einem „kleinen König“, der den Ton bestimmt.
Warum muss sich eine ganze Gruppe an eine einzelne Person anpassen – und nicht umgekehrt?
Weil auch der kleine König unter Druck steht. Er will dem System gefallen. Er will liefern. Er will bestehen. Und weil dieser Druck keinen Raum hat, nach oben zu gehen, wird er nach unten weitergegeben. An Menschen, die mit Herz arbeiten. Die zuhören. Die tragen. Die bleiben wollen.
Viele Tätigkeiten sind körperlich nicht schwer – aber emotional extrem fordernd: den ganzen Tag sprechen, verkaufen, erklären, reagieren. 150 Anrufe in einem Callcenter. Zehn Massagen täglich in einem Hochfrequenz-Spa. Dauerkommunikation im Einzelhandel.
… dann kommt zusätzlich die permanente Erinnerung daran, wie viel Umsatz noch fehlt.
Das ist keine Motivation. Das ist psychischer Verschleiß.
Während Technik sich weiterentwickelt, Prozesse digitalisiert werdenund alles glänzt, scheitern wir an etwas Einfachem:Wir schaffen es nicht, toxische Dynamiken aus Systemen zu entfernen stattdessen ersetzen wir Menschen. Immer wieder.
Früher band man in Kriegen den bereits gefallenen Herrscher auf ein Pferd, damit die Soldaten weiterkämpften – als Zeichen, dass das System noch lebt. Dabei war es längst tot. Und am Ende starb auch das Pferd.
Vielleicht wäre es Zeit, innezuhalten. Führung nicht nur zu ernennen, sondern zu befähigen. Coaching, Supervision, betriebspsychologische Begleitung nicht als Luxus, sondern als Standard zu sehen. Denn ein reflektiertes System ist produktiverals permanente Fluktuation. Und Menschlichkeit ist kein Kostenfaktor – sie ist eine Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg.





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