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Bring noch jemanden mit!

  • Autorenbild: Andrea Sagmeister
    Andrea Sagmeister
  • 8. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Neulich wurde ich auf eine besonders nette Stellenanzeige aufmerksam gemacht. Eine Kollegin zeigte sie mir begeistert – ihre Schwester hatte sich dort beworben. Hübsches modernes Geschäft, Fußpflege und Kosmetik, weißes Portal, Social-Media-Auftritt geschniegelt, freundlich, einladend. Unsere Heldin bewarb sich also.

Lebenslauf schicken, Wunschstunden angeben. Teilzeit ist heutzutage modern, also schrieb sie vorsichtshalber Teilzeit hinein – vielleicht bekommt man so leichter den Job. Am nächsten Tag kam schon der Anruf. Erstgespräch telefonisch.

Dabei stellte sich heraus: Die Inhaberin war nicht nur Inhaberin, sondern auch Ausbildnerin. Der eingesandte Lebenslauf wurde fein säuberlich auseinandergenommen wie beim Fleischhauer.

Warum blieb sie dort nur ein Jahr?

Warum dort nur ein paar Monate?

Warum Wechsel?

Warum das? Warum jenes?

Am anderen Ende der Leitung begann die erzwungene Lebensbeichte. Eine Firma wurde verkauft, deshalb musste sie gehen. Dann Scheidung, Umzug, wieder musste sie gehen. Dazwischen auch noch Covid. Dabei war der Lebenslauf gar nicht lückenhaft. Dann kam die nächste Prüfung:

Was kann sie eigentlich genau?

Was macht sie podologisch? Was nicht?

Von der anderen Seite kamen die Abfragen wie bei einer Steuerprüfung.

Das ja. Das nein. Das schon einmal. Das noch nie.

Und wieder ein Warum? Ja warum wohl? Deshalb. Darum.

Weil das Leben manchmal so ist.

Am anderen Ende wäre man beinahe eingeschlafen, aber höflich erklärte die Bewerberin, dass bestimmte Tätigkeiten in ihren bisherigen Hotels und Betrieben schlicht nicht notwendig waren. Dort gab es andere Schwerpunkte. Kurzes Schweigen. Ein leises Hmmmmm. Und dann kam – gnädig wie ein mittelalterlicher Richterspruch – der finale Satz: „Bringen Sie bitte noch jemanden mit. Ein Modell.“

Die Inhaberin wolle nämlich sehen, wie die Bewerberin den Fuß angreift. Mit der Hand, verdammt nochmal. Einen Fuß halten.

Probe-Arbeit vor der Probezeit vor dem Probegespräch. Erst einmal ein Modell bringen, dann könne man weitersehen und später über alles reden.

Die kleine Bewerberin schrieb daraufhin höflich zurück, dass sie leider niemanden als Modell organisieren konnte, aber selbstverständlich trotzdem gerne vorbeikommt. Schließlich erkennt eine langjährige Ausbildnerin wahrscheinlich schon an einer einzigen Bewegung, wie jemand einen Fuß in die Hand nimmt.

Die Antwort kam später. Die Inhaberin war inzwischen nach Hause gegangen, rief vermutlich ihren Mann ins Wohnzimmer: „Du Michi!“ Und verpflichtete ihn kurzerhand zum Modellstehen.

Daraufhin schrieb sie zurück: „Ach überhaupt kein Problem. Mein Mann kann gerne Modell sein.“

Am nächsten Tag sah ich dieselbe Anzeige erneut – leicht überarbeitet. Nun stand dort in großen Buchstaben: „Deutsch in perfekter Ausdrucksweise.“

Natürlich handelt es sich um eine bekannte Fachkraft, ihr Studio existiert seit Jahrzehnten, und selbstverständlich ist es wichtig, wen man aufnimmt. Natürlich. Aber erst nachdem man die Arbeit gesehen hat, wird entschieden, was jemand überhaupt wert ist. Die alte Schule halt. Erst testen. Dann vielleicht reden. Dann vielleicht verhandeln. Dann vielleicht schauen, ob überhaupt Gesprächsbedarf besteht.

Nur: Es gibt eigentlich nicht mehr viel zu besprechen, gnädige Frau. Denn diese alte Schule funktioniert heute immer weniger. Modern sind heute: Offenheit. Ausbildung. Förderung. Respekt. Natürlich darf geprüft werden – aber jeder Ausbildner weiß ganz genau, dass man jedem Bewerber irgendeine Frage stellen kann, auf die er spontan keine Antwort weiß. Diese ewigen Prüfrituale sind einfach mühsam geworden. Statt: „Bring noch jemanden mit.“ Vielleicht lieber: „Wir organisieren ein Modell.“ Und vielleicht sollte man auch aufhören, jene Mitarbeiterin zu suchen, die sich vom ersten Moment an völlig selbstverständlich, souverän und selbstbewusst in einem fremden Betrieb bewegt – direkt nach so einem Telefonat natürlich.

Wie der Prinz auf dem weißen Pferd. Wobei: Der weiße Reiter in dieser Geschichte offenbar ohnehin der eigene Ehemann war. Habibi, Entschuldigung.

Taktgefühl, Stil und quiet luxury kommen übrigens nicht nur von außen. Und wirklich gute Fachkräfte muss man oft erst entwickeln. Fördern. Halten. Und dann hoffen, dass sie vielleicht noch jemanden mitbringen.

Bild: © Bert Schifferdecker, 2025
Bild: © Bert Schifferdecker, 2025

 
 
 

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